FahrGut - Der Blog - Truck-SAFE

Direkt zum Seiteninhalt

Leben als Lkw-Fahrer - Feierabend auf dem Rastplatz

Truck-SAFE
Herausgegeben von in Die Situation ·
Fernfahrer sind über Wochen von zu Hause weg, arbeiten, leben, schlafen in ihrer Kabine und müssen sonntags ruhen – Beobachtungen auf dem Rastplatz Bremgarten. 

Erwartungsvoll und geübt wendet Christian Burska die Bratkartoffeln in seiner Pfanne. Mit nacktem Oberkörper steht er in der Schlucht zwischen seinem Silowagen und dem Sattelschlepper mit Abdeckplane. Aus den Radiolautsprechern in der Führerhaustür seines 40-Tonners brüllt AC/DC-Sänger Bon Scott sein "Highway to Hell", als Burska noch eine Bratwurst in die Pfanne legt. "Meine Lieblingsband", sagt der 61-Jährige, der seinen Bauchansatz nicht versteckt, der Kopf ist spärlich behaart. "So ’ne Matte hatte ich damals", sagt er und hält seine Hand auf Schulterhöhe. "Da ging’s dann ab." Er muss grinsen bei der Vorstellung. Am liebsten würde er den Lautstärkeregler etwas aufdrehen, aber... Er zeigt mit einer Kopfbewegung auf den Lastwagen nebenan mit dem bulgarischen Kennzeichen. Die Vorhänge der Kabine sind zugezogen. Burska nimmt Rücksicht auf den Kollegen.

41 Jahre sind sieben Millionen Kilometer

Als die Hardrocker in den frühen Siebzigerjahren die Bühne betraten, wechselte Christian Burska seinen Beruf. Schiffbauer hatte er gelernt, doch beim Ausblick auf die Perspektiven der Werften in Deutschland sattelte er um. Sein Vater war Fernfahrer, auch Burska wollte hinaus in die Welt. Heute hier, morgen dort. Den Chef nicht im Nacken, dafür Gunther Gabriel im Ohr. Der ist stumm an diesem Sonntag. Stattdessen läuft im Radio Procol Harum, "A whiter Shade of Pale". Burska wird nostalgisch. "Hab’ ich alles gehört damals." Und hört es heute noch. Die Songs sind seit 41 Jahren mit ihm unterwegs. "Ich würd’s nicht mehr machen", sagt er rechtzeitig, bevor die Nostalgie das Bild zu rosa werden lässt. 41 Jahre sind sieben Millionen Kilometer Highway to Hell.

Christian Burska aus Bodenwerder an der Weser steht an diesem Sonntag auf dem Autohof in Bremgarten südlich von Freiburg und wartet auf Montag. Er wartet nicht allein. Alle 120 Parkplätze sind belegt. Auch Burska hat es am Samstag an drei anderen Rastplätzen und Autohöfen an der A 5 versucht, vergeblich. In Bremgarten hatte er Glück. Er muss nach Dijon. "Wir versuchen, immer so nah ans Ziel ranzufahren wie möglich, um eine Nachtfahrt zu vermeiden", sagt Burska. Um 6 Uhr am Montag will er spätestens los.

Leben im rollenden Zuhause

Er isst im Stehen, er hat sich daran gewöhnt. Als Unterlage für den Teller dient der Dieseltank, auf dem Tritt über dem Radkasten steht der Gaskocher, als Beilage hat er sich noch einen Rote-Bete-Salat mitgebracht. "Ich hab’ alles dabei", sagt er. In einer Kuhle des Aufliegers hat er Mineralwasser gebunkert. Windgekühlt. Er öffnet das Staufach auf der Beifahrerseite: Grill, Campingstuhl, Klapptisch. Im Führerhaus stehen ein Kühlschrank und ein Fernseher. Ein rollendes Zuhause.

Wenn er in Bodenwerder aufbricht, dann für drei bis vier Wochen. Immer unterwegs. Im Nacken tonnenweise Zucker, Milchpulver, Mehl, Kakao. Er fährt für Großbäckereien und die Süßwarenindustrie, was er geladen hat, steckt irgendwann in Ferrero-Küsschen, Lübecker Marzipan und Milka-Schokolade. Neuerdings bringt er Zucker aus Südfrankreich nach Schleswig-Holstein, einem Anbaugebiet von Zuckerrüben. Warum die ganze Fahrerei? Darüber will er nicht nachdenken. Nicht zwei Jahre vor der Rente.

Ganz Europa auf einem Parkplatz

Nebenan ist Metodi Georgiev inzwischen wach. Er hat eine Frage an den Kollegen, aber der Mazedonier und der Niedersachse kommen nicht sofort zusammen. Das ist inzwischen die Regel, erzählt Burska später. Fahrer aus Portugal und Rumänien sind hier, aus Bulgarien, Spanien, Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Finnland, Holland, der Türkei, Russland und der Ukraine. Europa auf einem Parkplatz vereint. Ein spezieller Mikrokosmos.

Über dem Platz liegt nicht nur der Geruch von Öl und Dieselabgasen, sondern auch der Duft von Grillwürsten, Tomatensuppe, gedünstetem Knoblauch und mediterranen Kräutern. Die Mischung hat ihren volkskundlichen Reiz, ist der Kommunikation aber nicht zuträglich. "Früher waren die Samstage nicht lang genug, wenn wir immer zusammensaßen", sagt Christian Bidmon. "Heut’ büst scho froh, wenn d’ jemand triffst, mit dem du a Wort reden konnst", poltert der Österreicher frei Schnauze los. Bidmon steht mit zwei Kollegen zusammen, gemeinsam lässt sich die Langeweile leichter vertreiben.

Metodi Georgiev kann sich dann doch verständlich machen. Er wollte nur freundlich fragen, ob Christian Burska fertig sei mit dem Essen. Er würde gerne sein Führerhaus putzen. Denn Sonntag ist Putztag. Was soll man sonst die ganze Zeit machen? Überall ist das Zischen der Druckluftpistolen zu hören. Hier wird nicht gesaugt, hier wird gepustet, hinein in die Ritzen und Schlitze, alles muss raus aus der Kabine, die Wohn- Schlaf- und Arbeitszimmer ist. Dann wird übergewischt. Am Tankstutzen ist die Mülltüte befestigt, nebenan hängt ein Kollege seine Wäsche auf die Leine, die er im leeren Laderaum gespannt hat. In seiner freien Woche steht auch sein Laster, sagt Metodi Georgiev.

Calais, das Grauen der Lastwagenfahrer

Georgiev hat in Pratteln in der Schweiz geladen und ist auf dem Weg nach England. Also muss er nach Calais. Aktuell das Grauen der Lastwagenfahrer. Mehrere tausend Flüchtlinge leben dort im Umfeld des Fährhafens. Immer wieder versuchen einige von ihnen, auf einen der Lastwagen zu gelangen. Sie stellen sogar Pylone auf und zwingen so die Fahrer zur langsamen Fahrt. Dann springen sie auf, klemmen sich unter die Ladefläche, springen auf die Planen, schneiden diese auf und lassen sich in den Laderaum fallen, sie verstecken sich hinter Verkleidungen. Das ist zum einen gefährlich. Und wird ein blinder Passagier in England entdeckt, wird es auch für den Lkw-Fahrer richtig teuer. Nein, er mag Calais nicht, sagt Georgiev. Überhaupt, viel lieber wäre er in Mazedonien. Bei seinen Freunden. Gerne würde er dort arbeiten. Vielleicht eine Familie gründen mit seinen 34 Jahren. Er hat etwas die Sorge, dass er in seinem Führerhaus den Anschluss verpasst. Aber was soll er machen? Da die Arbeit nicht zu ihm kommt, hat sich Metodi Georgiev entschieden, selbst zur Arbeit zu gehen.

So wie Tamas, auch er 34, ein Ungar, der für eine Spedition aus der Nähe von Günzburg fährt. Tattoos zieren den ganzen Oberkörper, um den Hals hängt ein Goldkettchen. Vor zwei Wochen ist er Vater geworden, erzählt er. David heißt der Junge, und Tamas zeigt stolz ein Foto, das er auf seinem Smartphone gespeichert hat. Er ist auf dem Weg nach Barcelona – und Bremgarten der ideale Ort für das Wochenende. Denn in Frankreich müsste er in ein Hotel. Das schreibt eine EU-Richtlinie vor, die Frankreich bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Danach darf die wöchentliche Mindestruhezeit von 45 Stunden nicht in der Kabine genommen werden. Im Idealfall, sagt der Sprecher des Bundesverbandes Güterverkehr und Logistik, sollten die Fahrer zwei Tage zu Hause sein. In Deutschland wird über eine ähnliche Regelung diskutiert. Vor allem die osteuropäischen Fahrer sehen das zwiespältig. Denn für viele sind die Spesen so etwas wie ein zweites Gehalt. Zumal wenn sie sich selbst versorgen und "auf dem Bock" übernachten.

Überhaupt die Spesen, ein wichtiges Thema. Christian Bidmon findet wieder die deutlichsten Worte: Zehn Euro pro Tag zahlen die Speditionen für einen Standplatz in Bremgarten. Dafür gibt es einen Nachlass beim Essen im Gasthaus "Rosi’s". Darauf würden Bidmon und seine beiden Kollegen gerne verzichten, wenn sie stattdessen kostenlos die Toiletten und Duschen benutzen könnten. "Ich zahle jeden Tag fünf Euro dafür, dass ich ein Klo benutzen kann und nicht anfange zu stinken", poltert Bidmon. Auf einer Dreiwochentour sind das mehr als 100 Euro. Ihn wundere nicht, dass mancher Rastplatz aussehe, wie er aussieht.

Ein Sonntag kann lang sein

1000 Euro Grundgehalt erhält Tamas für die drei Wochen auf Tour, dazu Zulagen und Spesen. Wehmütig blickt der Ungar auf das Handy. Vermutlich, sagt er, sieht sein David schon ganz anders aus, wenn er ihn das nächste Mal zu Gesicht bekommt. Mehr will er nicht sagen. Die Männer auf dem Platz – es sind nur Männer – sind eher wortkarg. Unabhängig von ihrer Landessprache. Der Job ist nichts für Plaudertaschen. Wer kein Schweiger ist, der wird es mit den Jahren. "Viele bringen die Zähne nicht auseinander", sagt Christian Burska. Tamas wendet sich seinem Bildschirm zu. Er hat mehrere Filmserien im Gepäck. So ein Sonntag kann lang sein.

Sein Nachbar ist froh, ein wenig zu reden. Er will aber nur seinen Vornamen preisgeben, Gabriel. Er ist Rumäne und fährt erst seit fünf Jahren Lkw, zuvor war er Polizist. Aber 300 Euro im Monat reichten einfach nicht zu Leben, sagt er. Jetzt fährt er für eine große spanische Spedition. 20 Tonnen Nektarinen hat er geladen, sie werden gekühlt, der Kompressor läuft. Wohin er seine Fracht bringt? "Weiß ich nicht", sagt Gabriel. Er zeigt auf das Handy in seiner Hand: "Ich warte auf den Anruf." Vielleicht Karlsruhe, vielleicht die polnische Grenze. Solche Fahrten seien nicht unüblich. Die Erntemenge lasse sich schwer abschätzen, die Kapazitäten der Kühlhäusern sind knapp, das Obst muss schnell zum Kunden. Also wird die Ladung verhökert, während der Lastwagen bereits rollt.

Faszination und Verachtung für den Job

In Bremgarten knallt die Sonne erbarmungslos herunter, die Hitze ist erstaunlicherweise aber kein Gesprächsthema zwischen den Fahrern. "Die Klimaanlagen sind super heute", sagt Christian Burska, die Batterien leisten das. Und die Dreierrunde um Christian Bidmon ist sich uneins, ob Regentage im Herbst, klirrende Winterkälte oder die anhaltende Wärme schlimmer ist. "Wenn es regnet und du nicht rauskommst, ist es viel schlimmer", sagt Bidmon. Wenn sie über ihre Arbeit reden, dann immer mit einer eigentümlichen Mischung aus Faszination und Verachtung.

Bidmon hat am Montag den kürzesten Weg zur nächsten Etappe: In Altkirch im Elsass wird er den Harnstoff entladen. Andreas Bergmann bringt Medikamente aus Basel zum Flughafen nach Luxemburg, Gerd Striegel hat Sammelgut geladen und muss nach Schweinfurt, ihn drückt das enge Zeitfenster – zwischen 10 und 10.30 Uhr – für das Entladen. Milan Nikolov, 68, hat Citroën-Autos aus der Slowakei geladen, die er nach Bordeaux bringt, anschließend fährt er für Seat von Pamplona nach Slowenien, dann lädt er in Italien Gebrauchtwagen für Bulgarien. In Bremgarten kreuzen sich die Wege von Möbelteilen für England, Maschinen für Holland und einem unbekannten Granulat für England.

Christian Burska hat vor Jahren einen schweren Unfall überstanden. "Da bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen", sagt er. Vor ihm stand ein Langholzwagen auf der Abbiegespur links. Als er die Stelle erreichte, fuhr der Holztransporter plötzlich an, die Ladung schwenkte aus, Burska sah nur noch die auf Augenhöhe querliegende Baumstämme vor sich. Das Führerhaus wurde vollkommen zertrümmert. Er hat knapp überlebt.

In zwei Jahren wird er in Rente gehen. Er macht kein Hehl daraus, dass ihm – und seiner Frau, wie er sagt – vor dieser letzten Fahrt ein wenig bange ist. Nach all den Jahren allein im Führerhaus.

Eine Fotogalerie finden Sie unter http://mehr.bz/lkw


Quelle: Badische Zeitung





Kein Kommentar

Zurück zum Seiteninhalt